Wetterauer Zeitung - Flüchtlinge und Alteingesessene genießen »Abend der Begegnung«

Glühwei(h)nacht

Den Menschen ein Gesicht geben, um die Scheu zu nehmen, ihnen eine Geschichte und eine Herkunft geben, um sie einander näherzubringen, war das große Thema am »Abend der Begegnung«. Den Echzeller Weihnachtsmarkt, der ohnehin im Zeichen der Gemeinsamkeit steht, nutzten die Flüchtlingshilfe und die evangelische Kirchengemeinde, unterstützt von der Partnerschaft für Demokratie »BuntErLeben«, um zu einem Kennenlernen einzuladen.

Die Kultur eines Volkes und dessen Sprache sind eng miteinander verknüpft, sie prägen sich gegenseitig im Laufe der Zeit. Die in Echzell untergebrachten Flüchtlinge lernen täglich bis zu sechs Stunden Deutsch und entdecken die deutsche Kultur. Die Einheimischen aber kennen wenig von der Kultur und der Sprache der Flüchtlinge, wissen überhaupt sehr wenig von ihnen.Wie fleißig die Schutzsuchenden in den Unterricht stürzen, zeigten die, die sich trauten, vor 250 in der Kirche versammelten alteingesessenen Echzeller zu treten und sich vorzustellen. Die meisten der Flüchtlinge sind erst seit drei Monaten in Deutschland, konnten sich aber auf Deutsch vorstellen, ihren Namen nennen, ihr Herkunftsland und ganz kurz ihre Hoffnungen und Nöte. Jeder einzelne wurde dafür mit großem Applaus belohnt, und man lächelte sich gegenseitig an. Auch einige Alteingesessene ergriffen die Gelegenheit und stellten sich den Flüchtlingen vor, und bei zweien erfuhr man hierbei, dass die eigenen Vorfahren nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge hier ankamen.

Bei der Vorbereitung des Abends sei es zu bewegenden Momenten gekommen, berichtete Wolfgang Lang, der Bildpräsentationen vorbereitet hatte. Sie zeigten die Heimat der Flüchtlinge. »Schöne Länder«, wie er zugab, »die man nicht freiwillig verlassen möchte.« Die meisten Fotos aus Syrien stammten aus der Zeit vor dem Krieg und zeigten Orte, die es so heute nicht mehr gibt. Das erfuhr er von den Flüchtlingen, die mit ihm die Bilder ausgewählt hatten. Diese Vorbereitungsarbeit hatte ihre menschlichen Spuren hinterlassen, wie man Lang anmerkte.

»Grätsche« spendet 500 Euro

Claudia Lang, Christa Degkwitz und Gitta Seckel führten durch den Abend, an dem auch die Sprachen der Flüchtlinge zu hören waren. Claudia Lang las mehrsprachig eine Gutenachtgeschichte gemeinsam mit Gidey in Tigrinja (Eritrea), Sakina in Dari (Afghanistan), Zahed in Paschtu (Afghanistan), Farhad in Arabisch (Syrien) und Elvira in Spanisch (aus Peru). Letztgenannte ist kein Flüchtling, bereicherte jedoch den vielfältigen Klang der Sprachen. Musikalisch bereichert wurde der Abend von Dr. Ralf Schäfer an der Orgel und Michael Möbs (Tenor) sowie Matthias Jacob (Gesang und Klavier).

Mercedes Rossmanith hatte sich Gedanken zum Wort »Ansehen« gemacht und kam zu dem Schluss, dass das »Ansehen«, das jemand genießt, davon abhängt, wie andere ihn »ansehen«. Man solle deshalb die Neubürger mit wohlwollendem Respekt ansehen.

Am Ende zitierten die Flüchtlinge Dhimitris (Albanien), Sakina (Afghanistan), Farhad (Syrien), Mustafa (Afghanistan), Mohammad (Afghanistan) und Valey (Afghanistan) Sprichwörter und Gedichte aus ihrem Heimatland. Bei der Übersetzung habe sie bemerkt, sagte Gitta Seckel, dass die deutsche Sprache oft weniger bildreich und fantasievoll klinge. Eine Aufforderung aus einem dieser Gedichte, die fast unterging, mag für diesen Abend aber bezeichnend gewesen sein: »Sei ein Mensch!«

Um die Arbeit der Flüchtlingshilfe in Echzell zu unterstützen, hatte der Verein »Grätsche gegen Rechtsaußen« im September einen Poetry-Slam unter dem Motto »Flucht« veranstaltet. Der Dichterwettstreit im Gettenauer »Stern« war zwar gut besucht, hatte jedoch keinen Erlös erzielt, wie der Vorsitzende Manfred Linss erklärte. Trotzdem überreichte er bei der Eröffnung der »Glühweihnacht« einen Scheck von 500 Euro an die Verantwortlichen der Flüchtlingshilfe.

 

© Wetterauer Zeitung  18.12.2015

 
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